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1999: 100 Jahre Uhr

 

aus der Festschrift zum einhunderjährigen Bestehen der Turmuhr:

von Jobst Tehnzen

Zu einem Kirchturm gehört eine Uhr wie das 'Amen' in der Kirche. Auch heute noch sieht jeder, der an der Haltestelle 'Bothfeld/Kirche' auf die Straßenbahn wartet, auf die Turmuhr. Er stellt fest, dass entweder die Uhr vor-, nach- oder richtig geht, oder dass die Straßenbahn zu früh, zu spät oder pünktlich kommt. Dabei hat doch jeder mindestens eine eigene mechanische oder batteriegetriebene, mit Zeigern oder Ziffern die Zeit anzeigende Uhr bei sich. Denn gerade der Deutsche lebt ja, wie schon lange bekannt, "mit der Uhr in der Hand", wie Otto Reutter schon vor 75 Jahren sang. Trotzdem schaut jeder immer wieder zuerst auf die Turmuhr und dann auf die Taschen- oder Armbanduhr.

 Die Uhr an einem Kirchturm zeigt die Zeit an. Sie ist aber fast ausnahmslos auch mit einem Schlagwerk verbunden, so dass man auch hört, welche Stunde, welche halbe - und bei vielen Uhren auch welche Viertelstunde - es geschlagen hat. "Hört Ihr Herrn und lasst Euch sagen, unsre Uhr hat 'zehn' geschlagen", rief einst der Nachtwächter abends denen zu, die nicht gehört hatten, was die Uhr geschlagen hatte und die deshalb noch nicht zur Ruhe gegangen waren. Ein solches Leben ist für uns heute kaum vorstellbar. Unsere Großeltern und erst recht unsere Urgroßeltern aber sahen eine eigene Uhr mit ganz anderen. Augen an. Damals war sie ein beliebtes Geschenk für Konfirmanden. Deshalb war sie meist auch aus Gold, und sie war nicht nur teuer sondern zugleich auch ein Symbol dafür, dass der junge Mensch nun erwachsen geworden war. Er bekam etwas 'für's Leben' womit er die Zeit, seine Zeit, selbst überwachen und einteilen konnte - und musste.

 Das ist heute alles vorbei - und doch sehen wir immer noch auf die alte Turmuhr unserer Kirche.

WIE ALT IST SIE EIGENTLICH?

 Eine St. Nicolai-Kirche in Bothfeld wurde 1288 zum ersten Male in einer Urkunde erwähnt. Die Kirche als Bauwerk ist jedoch wesentlich jünger, das Kirchenschiff ist sogar erst aus dem 20. Jahrhundert. Es wurde 1911 eingeweiht und ist das dritte nachweisbare Kirchenschiff.

 Der Turm hingegen stammt aus dem 14. Jahrhundert. Unterlagen über seinen Bau gibt es nicht. Wenn man das bedauert darf man aber nicht vergessen, dass Bothfeld ein Dorf war, das einen mehrstündigen Fußmarsch von Hannover entfernt lag, und dass man sich bei der Armut der Bothfelder schon wundern muss, dass sie überhaupt einen so mächtigen Turm bauten.

 Ob dieser Turm schon damals eine Uhr hatte, ist ebenfalls unbekannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Türmen aus der Umgebung und aus dieser Zeit ist eine Sonnenuhr an diesem Turm nicht nachweisbar. Wenn es sie überhaupt gab, war sie wohl an der Südwand des Kirchenschiffes angebracht.

 Das Gemeindearchiv bewahrt jedoch eine Urkunde aus dem Jahre 1584, wonach ein JOST SPROCKHOFF sich verpflichtet, auf künftigen Pfingsten einen 'Seiger', d.h.. ein Uhrwerk zu liefern und zu installieren. Für dieses Uhrwerk übernahm er 12 Jahre Garantie, vorausgesetzt, dass "dasselbe nicht mutwillig verwahrlost oder durch anderen Unfall vernichtet oder sonst wie verdorben wird". Die 'Scheibe', d.h.. das Zifferblatt, war darin nicht enthalten. Für diese Uhr wurden ihm 32 Taler 'versprochen und zugesagt', sowie ein nicht näher beziffertes 'Drankgeldt' (Trinkgeld) für seinen Gesellen.

 Anno Domini 584, den 5. Juni, hat er den Erhalt der 32 Taler für eine 'Zeiger-­ oder Schlaguhr' bestätigt.

 Wenn auch sonst keine weiteren Angaben über die Art der Uhr gemacht werden, so ist doch dieser 'Quitanz', dieser Quittung, zu entnehmen, dass die Uhr ein Schlagwerk hatte und sicherlich zumindest die Stunden anschlug.


 WELCHER ART KANN NUN DIESE TURMUHR GEWESEN SEIN?

 Man glaubt, dass die Erfindung der Turmuhr in der Form einer 'Räderuhr' etwa in das 11. Jahrhundert zu datieren ist und schreibt sie dem Abt Wilhelm von Hirschau zu.

 Auf die Frage "Was ist die Uhr?" pflegte man früher nicht die eigentlich gemeinte Uhrzeit zu sagen, sondern: "Ein künstliches Räderwerk" zu erwidern. Da sie das tatsächlich war, breitete sie sich auch nur langsam aus und nur dort, wo es Uhren-Künstler' gab und wo man sie, die Uhr wie ihre Künstler, auch bezahlen konnte, also in Haupt- und Großstädten sowie auf Schlössern.

 Als 1370, also fast 400 Jahre nach der Erfindung der Räderuhr, der deutsche Uhrmacher Heinrich von Wick im Schlossturm in Paris eine Schlaguhr einbaute. Damals glaubten die Pariser, dass da oben jemand in der Uhr sitzt, der die Glocke rechtzeitig anschlägt. Der König erlaubte ihnen daher, die Uhr und den Turm streng zu bewachen, um zu beweisen, dass die Uhr ein künstliches Räderwerk war und kein Betrug.

1398 bekam Augsburg und 1405 Lübeck eine Turmuhr. Das wirklich neue an diesen Turmuhren war, dass sie die Zeit bei jedem Wetter und auch bei Nacht anzeigten. "Horas non numero nisi serenas" - Ich zähle nur die heiteren Stunden, steht auf vielen Sonnenuhren, denn ohne Sonne gab es eben auch keine Uhr-Zeit.

Bekanntlich hat der Tag 24 Stunden, Die alten Turmuhren zeigten daher auch 24 Stunden an, meist von einem Sonnenuntergang bis zum anderen und nur selten von Mittag bis Mittag. Wenn sie die Stunden auch anschlugen, machten diese 24­Stunden-Uhren täglich insgesamt 300 Schläge.

Während der Reformationszeit wurden die 24-Stundenuhren abgeschafft und durch sog. 'halbe Uhren' ersetzt. 1462 bekam Nürnberg die erste öffentliche Uhr, die 12 Stunden vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgang zeigte und ebenso 12 Stunden vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Da sich Sonnenauf- und Sonnenuntergang täglich ein wenig verschieben, rechnete man aber z.B.. in den Reichsstädten (Nürnberg, Regensburg u.a.) im Sommer mit 16 Tagesstunden und 8 Nachtstunden, im Winter dagegen mit 8 Tages- und 16 Nachtstunden. Wer verreisen wollte - oder musste -, brauchte daher eine nicht ganz einfach abzulesende Umrechnungstabelle.

 Unsere Uhr von 1584 wird also sicherlich eine 'halbe Uhr' gewesen sein. Ob sie von Mittag bis Mitternacht oder von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang anzeigte, bleibt offen.

 Klar ist dagegen aus der Geschichte der Turmuhren abzuleiten, dass der Gang der Uhr nicht durch ein Pendel geregelt wurde, sondern durch einen sog. Schwengel, auch Balance oder Waage genannt. Der Schwengel sitzt waagerecht auf einer senkrechten Welle und ist an einem Faden aufgehängt. Der Schwengel schwingt hin und her und dreht dabei den Faden auf oder ab, was die Schwingung der Uhr gleichmäßiger macht. Um die Dauer der Schwingung zu regeln, wurden an den Enden kleine Gewichte aufgehängt.

Von diesem 'gleichmäßigeren Gang' darf man sich allerdings keine allzu hohen Vorstellungen machen, denn der Schwengel als Regulator ließ Abweichungen von einer halben bis zu einer dreiviertel Stunde durchaus nicht als großen Fehler erscheinen. Erstens war es gleichgültig, ob man um 12.00 oder erst um 12.30 seine Mittagspause machte, und zweitens hatte ja niemand eine genauer gehende Uhr zum Vergleich zur Hand.

Wie lange diese Uhr ihren Dienst getan hat und den Bothfeldern die Glocke geschlagen, ist nicht eindeutig festzustellen. Es scheint, dass später der Schwengel durch ein Pendel ersetzt wurde, denn 1783 ist von einem 'Perpendikul' die Rede, also einem Pendel, und dass das ganze Werk 'ausgelaufen' und die Räder abgeschliffen seien. Jedenfalls gibt es keine Unterlagen über eine neue Uhr.

Es gibt jedoch eine Aufstellung aus dem Jahre 1783 von Pastor Schlegel, einem älteren Bruder der beiden berühmten 'Brüder Schlegel' und Sohn des Superintendenten und Marktkirchenpastors J. A. Schlegel, in der er die ständigen Reparaturen der Turmuhr zwischen 1726 und 1778 auflistet, 'soweit sie bei der großen Unordnung und Mangelhaftigkeit der Unterlagen nachweisbar waren'. Insbesondere von der 'ansehnlichsten Reparatur' aus dem Jahre 1730 fand sich schon damals nichts.

Während zuerst ein Uhrmacher zu Celle die Uhr 'wieder gemacht' hat, waren es später die hannoverschen Uhrmacher Rummel (bis 1761) und Büttner (ab 1863), die beinahe jährlich etwas reparieren, renovieren und ersetzen mussten.

 Auf Antrag des Bothfelder Pastors Karl August Moriz Schlegel an seinen 'Theuersten Vater', den 'Herrn Consistorial-Rath Schlegel in Hannover', und einen Kostenvoranschlag des Uhrmachers Ernst Lühring wurde dann 'von Kirchen­-Commissions wegen' durch den Herrn Papa die beantragte Summe von 8 Talern für eine gründliche Reparatur genehmigt.

Für das laufende Reinigen der Uhr war übrigens kein Uhrmacher nötig. Das übernahm der Küster, der 'die Uhr rein zu machen' hatte und dafür einmal 17 und ein andermal 24 Groschen erhielt. Diese Ausgabe hielt der Herr Superintendent Grupe um 1782 für unnötig und er machte 'ein Monitum', d.h.. er bemerkte das sehr ungnädig. "Es ist ihm aber damit beantwortet worden, dass es ein altes Herkommen wäre", bemerkt Pastor Schlegel dazu.

Pastor Schlegel ging 1790 als zweiter Prediger nach Harburg, 1796 als Superintendent nach Göttingen und 1816 als Generalsuperintendent und erster Prediger wieder nach Harburg, so dass er wohl keinen Ärger mehr mit der Uhr hatte, dafür aber sein Nachfolger. Bereits 1804, also keine 20 Jahre nach der gründlichen Reparatur, wurden erneut 8 Taler für eine Reparatur der Uhr notwendig, denn "sie schlägt nie recht, und gar zuweilen 24 bis 30mal in einem fort, dass die Leute fast nicht wissen, was das heißt". Die Bewilligung zur Reparatur wurde erteilt und die Unterlagen schweigen einstweilen.

Im Jahre 1825 gab es ein "Geschenk .., aus dem Überschoß der Kirchenkasse zu Bothfeld" zu den Kosten einer neuen Turmuhr. Dieses 'Geschenk' hat aber offensichtlich nicht zu einer neuen Uhr geführt, denn 74 Jahre später lehnt der Lieferant der neuen, jetzigen Turmuhr, die Fa. Weule aus Bockenem, die Annahme der alten Uhr ab, "da dieselbe nur noch den Wert alten Eisens hat und ... auch den Transport nach hier nicht werth ist".

Der Ärger mit der alten Uhr war nun offensichtlich nicht mehr länger zu ertragen, die Überzeugung, dass eine neue Uhr her müsse, war wohl allgemein, und so ging es plötzlich zügig voran.

Das Protokollbuch des Kirchenvorstandes verzeichnet auf seiner 2. Ordentlichen Sitzung am 17. Juli 1899 unter 4. "Es wird beschlossen, eine neue Turmuhr anzuschaffen mit einem Gehwerk für 8 Tage, ohne Betglockenwerk, und ohne Schlagglocken oben im Turm."

Die Firma Weule schickte einen Mitarbeiter nach Bothfeld, um sich über die Bedingungen zu informieren, unter denen sie funktionieren sollte, und schon am 31. Juli kam ein Angebot mit einem Kostenvoranschlag über 899,- Mark, abgerundet auf 890,- Mark, und zahlbar in zwei Raten. Die erste Rate wurde nach der Aufstellung fällig, die zweite ein Jahr danach. Auf diese Uhr gab der Hersteller 15 Jahre Garantie für einen "vollkommenen, guten und geregelten Gang der Uhr".

"Seine Hochehrwürden Herr Pastor Schütte" hatte wohl trotzdem noch Bedenken, denn am 10. August schreibt ihm der Turmuhren-Fabrikant, Herr J.F.Weule: "Übrigens ist die Wartung der Uhr eine so leichte, daß sie von jedem gewissenhaften Manne leicht besorgt werden kann", und fügt hinzu, daß der Kirchenvorstand beruhigt sein kann, er (Weule) liefere eine gute Uhr, welche sicher und zuverlässig funktionieren wird." Und das tut sie tatsächlich auch nach 100 Jahren noch!

Es ist nicht mehr genau festzustellen, wann die Turmuhr tatsächlich installiert worden ist. Der Zimmermeister L. Scheele hat mit Datum vom 21. November 1899 eine Rechnung vorgelegt, wonach er vom 9. bis 13. Oktober insgesamt 8 3/4 Tage 'bei der Uhr gearbeitet' habe. Offensichtlich handelt es sich dabei um den Verschlag, in dem die Uhr jetzt noch steht. Das Uhrwerk muss also vorher eingebaut worden sein, so dass wir mit dem September als dem Zeitpunkt der 100­Jahrfeier nicht allzu weit vom genauen Datum entfernt liegen werden.

Mit Datum vom 18. Oktober berechnet die Fa.Weule für den 5. Oktober die Lieferung frei Bahnhof Hannover und die diensttüchtige Aufstellung am Bestimmungsorte mit 890,- Mark und erhält vereinbarungsgemäß 'baar und richtig zugesandt' die erste Hälfte des Kaufpreises in Höhe von 400,- Mark, was sie am 14. November quittiert. Die 'zweite und letzte Rate' des Kaufpreises in Höhe von 490,- Mark wurde durch 'Herren Kantor Rogge daselbst baar und richtig zugesandt' und mit Datum vom 10. September 1900 durch Herrn Kaiser von der Fa. Weule bestätigt. Auch dies bestätigt die Annahme, dass der Tag des offenen Denkmals 1999 ziemlich genau der Tag der Inbetriebnahme der Turmuhr von 1899 ist.

 

DIE NEUE, JETZT 100 JAHRE ALTE UHR

Die Fa. Weule in Bockenem, die von 1847 bis 1958 existierte und sich auf 'Thurm-, Hof- und Eisenbahn-Uhren' spezialisiert hatte, hat einerseits derartige Uhren im Laufe der Zeit in einer großen Zahl hergestellt, andererseits war jede einzelne Uhr speziell für ihren besonderen Standort konzipiert. Das Angebot, wie es hier im Archiv noch vorliegt, erfolgte auf einem vorgedruckten Text, in den dann die speziellen Dinge handschriftlich eingetragen wurden, wie: "acht Tage gehend, die halben und vollen Stunden schlagend", und das Gewicht der Pendellinse mit "etwa 17 kg" eingesetzt. Außerdem wird der vorgedruckte Text ergänzt um das Angebot für den eisernen Unterbau sowie das Zifferblatt und die Zeigerwelle, die Kosten für Verpackung, Lieferung und Aufstellung. Schließlich wird auch die schon erwähnte Garantie auf 15 Jahre in das Angebot mit aufgenommen.

Die Uhr muss alle acht Tage aufgezogen werden. Das erfolgt jeden Sonntag, was den Vorteil hat, dass es nicht im Drange der Alltagsgeschäfte vergessen wird. Einmal im Jahr wird die Uhr gewartet, was seit langem durch die Fa. Gerbes, Sarstedt, erledigt wird, die einen Dauerauftrag der Landeskirche hat und von dieser dafür bezahlt wird.

Zweimal im Jahr muss die Uhr umgestellt werden: auf die Sommerzeit und auf die Winterzeit. Dazu kann man natürlich nicht einfach die Zeiger vor- oder zurückdrehen, das muss vielmehr innen am Uhrwerk geschehen. Bei der Sommerzeit wird bekanntlich die Uhr eine Stunde vorgestellt. Dazu wird das Pendel ausgeklinkt und die Stange, die Pendel und Uhrwerk miteinander verbindet, von Hand so lange schnell hin- und herbewegt, dass nach etwa einer Viertelstunde die Uhr mit ihrem Minutenzeiger eine ganze Umdrehung gemacht hat und der Stundenzeiger dementsprechend eine Stunde später anzeigt. Dabei muss man in Kauf nehmen, dass 'zu unpassender Zeit' einmal die halbe und einmal eine volle Stunde geschlagen wird. Man kann zwar das sog. 'Zeigertreibwerk' auch getrennt vom Stundenschlagwerk verstellen, läuft dabei aber zu leicht Gefahr, dass die Uhr mittags schon 1 Uhr anzeigt, dazu aber zwölfmal schlägt. Die ganze Operation muss nun nicht, wie es in der Zeitung steht, zwischen 2 und 3 Uhr nachts vorgenommen werden, und wie es z.B. bei den elektrischen, von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig ferngesteuerten Uhren geschieht, sondern wird meist zwischen 22 und 23 Uhr vorgenommen, und da scheint es kaum jemand zu bemerken. Hingegen sieht man am Sonntag häufig Leute ihre Uhren zücken und feststellen, dass 'die bei der Kirche' auch nichts verschlafen haben, die Turmuhr (wieder) die richtige Uhrzeit anzeigt und der Gottesdienst ebenfalls zur rechten Zeit stattfindet.

Die Umstellung auf die Winter- bzw. Normalzeit ist wesentlich einfacher: Die Uhr wird angehalten und nach einer Stunde wieder in Gang gesetzt. Auch das wird zwischen 22 und 23 Uhr gemacht.

Ein Problem ist und bleibt der 'genaue' Gang der Turmuhr. Da der Kirchturm von St. Nicolai direkt gegenüber der Stadtbahn-Haltestelle der stadteinwärts fahrenden Bahnen steht, wird darauf geachtet, ob die Uhr genau geht und ob die Bahn pünktlich kommt bzw. fährt. Dass die Bahn nicht immer ganz pünktlich sein kann, weil Ampelschaltungen, Baustellen, Staus usw. entsprechende Verspätungen verursachen können, das sieht jeder ein. Warum aber die Uhr einmal genauer und ein andermal vor- oder nachgeht, das kann sich niemand so recht vorstellen und man schiebt es leicht auf Nachlässigkeit desjenigen der die Uhr aufzieht und damit auch überwachen soll. Zur Erklärung muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass die Uhr 'ein künstliches Räderwerk' ist. Zwar ist das Räderwerk vor Regen und Sturm geschützt, nicht aber vor Schwankungen in der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit. Beides wirkt sich sowohl auf das Metall der Räder als auch vor allem auf das Schmiermittel im Räderwerk aus, das bei Kälte verhärtet, bei Hitze aber sich mehr verflüssigt und je nachdem einen etwas leichteren oder etwas schwereren Gang der Uhr bewirkt. Bei größeren Abweichungen kann am unteres Ende des Pendels mit einer Mutter die Pendellinse herauf- oder heruntergesetzt werden, so dass die Uhr schneller oder langsamer geht. Das ist aber eine höchst diffizile Angelegenheit, denn wenn sich anschließend das Wetter ändert, geht die Uhr entweder wesentlich vor oder wesentlich nach. Das Ziel eines jeden Turmuhrenbetreuers ist es daher, dass die Uhr eine 'mittlere Genauigkeit' einhält und diese nur beim wöchentlichen Aufziehen leicht korrigiert zu werden braucht.

 

DAS UHRWERK UND SEIN BETRIEB

Das Uhrwerk besteht aus einem Geh-Werk und einem Schlag-werk. Beide haben einen Gewichts-Antrieb. Dazu werden über je eine Walze mit Schraubenwindungen zwei Gewichte hochgezogen, die 8 Tage brauchen, bis sie wieder ganz unten im Turm hängen. Dann steht die Uhr.

Die Gewichte hängen an Gewichts-Zugseilen und werden über Flaschenzüge hochgezogen. Der Flaschenzug ist nötig, weil die Fallhöhe der Gewichte nicht so groß ist, wie die Länge der auf die Trommel aufgewickelten Seile. Wenn - wie hier - nur gut ein Drittel der Seillänge als Fallhöhe zur Verfügung steht, braucht man einen dreisträhnigen Flaschenzug.

 

DAS GEH - WERK

Beim Gehwerk wird der Zug des Gewichtes über das Minutenrad auf die Minutenwelle und von dieser auf den Minutenzeiger übertragen.

Der Stundenzeiger wird über ein Stundenrohr betrieben, das seinerseits über ein Wechselgetriebe von der Minutenwelle angetrieben wird.

Für den gleichmäßigen Lauf des Minutenrades im Gehwerk sorgen der Regulator und die Graham-Hemmung, der (1720 von Georg Graham erfundene) ruhende Ankergang. Er lässt die Uhr ticken.

Als Regulator dient das Pendel, das 1763 von dem holländischen Physiker Huygens für Turmuhren nutzbar gemacht worden ist (Entdeckung des Pendels und seines 'isochronen', d.h. in gleichen Zeitlängen ablaufenden Ganges durch Galilei). Mit dem Pendel wird der Gang der Uhr geregelt. Je länger das Pendel ist, um so langsamer geht die Uhr. Diese Pendellänge wird durch die Pendel-Linse verändert, die auf dem Pendel nach oben (schnellerer Gang) oder nach unten (langsamerer Gang) verschoben werden kann. Die Linse wird mit einer Mutter fixiert.

Die Zeiger werden von der Zeigerstange betrieben. Dazwischen befindet sich ein Kreuzgelenk als Kupplung. Diese fängt Setzungs- und Temperatureinflüsse auf, so dass sich nichts verkannten oder verklemmen kann.

 Die Zeiger müssen so groß sein, dass sie auch aus größerer Entfernung gut erkennbar sind. Wenn sie sich zwischen 12 und 6 bewegen, drückt ihr Gewicht auf die Treiberstange in Richtung auf einen schnelleren Gang. Von 6 bis 12 muss der Zeiger dagegen hochgedrückt werden und sein Gewicht hat den gegenteiligen Effekt. Um beides zu vermeiden, macht man die Zeiger aus Blech, wodurch sie leichter werden, und gibt ihnen ein Gegengewicht, das für den Minutenzeiger innen im Turm angebracht ist, damit er außen klar zu erkennen ist. Für den kleineren Stundenzeiger ist das Gegengewicht - kaum erkennbar - außen angebracht.

Das Zifferblatt muss ebenfalls gut ablesbar sein. Es wird nach der Faustformel:

Turmhöhe (d.h.. Mitte des Zifferblattes bis Erdboden) : 10

errechnet. In unserem fall befindet sich die Uhr im Turm in 10 m Höhe über dem Erdboden. 1/10 der Turmhöhe ist gleich 1. Der Zifferblattdurchmesser beträgt daher auch richtig 1 m.

Die Größe des Zifferblattes ist mitbestimmend für die Größe des Uhrwerks: Je größer das Zifferblatt, um so größer die Zeiger und ihr Gewicht, das unaufhörlich zu bewegen ist. - bei Sonnenglut ebenso wie bei Eiseskälte und Sturm - und um so stärker muss das Uhrwerk gebaut sein.

Schließlich bestimmt es auch noch den Walzenrad-Durchmesser. Dieser soll 1/8 des Zifferblatt-Durchmessers betragen. Das sind hier 12,5 cm.

Die Ziffernlänge auf dem Zifferblatt soll etwa 1/7 des Blattdurchmessers betragen. Das sind hier gut 14 cm. Bei den üblicherweise verwendeten römischen Zahlen ist darauf zu achten, dass die VIII nicht breiter ist als hoch.

Um die Uhr aufzuziehen sind 36 Kurbelumdrehungen erforderlich. Während dieser Zeit soll die Uhr nicht stehen bleiben sondern weiterlaufen. Dafür sorgt ein Gesperre aus Sperrad und Sperrkegel. Die Einschaltung des Gesperres ist gewissermaßen automatisiert: Auf der Welle des Sperrkegelarmes befindet sich ein Arm, der mit seinem Ende vor dem Aufzugsviereck steht, Man kann die Handkurbel nicht aufstecken, wenn man nicht diesen Arm hebt, dadurch das Gesperre betätigt und den fortlaufenden Gang das Gehwerks bewirkt.

 

DAS SCHLAGWERK

Das Schlagwerk hat den gleichen Gewichts-Antrieb wie das Gehwerk, also auch die gleiche Walze, die gleiche Fallhöhe für die Gewichte und die gleiche Zugseillänge mit dem gleichen dreisträhnigen Flaschenzug.

Der Zweck des Schlagwerkes ist das Heben des Hammers an der Glocke, an der die Uhrzeit angeschlagen wird. Dazu befindet sich am Gehwerk ein kleines Zifferblatt für 60 Minuten mit einem Zeiger, der mit dem Minutenrad verbunden ist. Dieser Zeiger hebt zur halben und zur vollen Stunde den Fallscheiben-Hebel. Dieser löst beim Schloss- oder Schussrad die Sperre, und die sog. Anrichtung auf der Innenseite dieses Rades bestimmt die Zahl der Schläge.

Die Geschwindigkeit, mit der die Schläge aufeinander folgen, wird durch den Windfang (die Windflügel) geregelt. Je mehr die Scheiben des Windrades quer zur Umlaufbahn stehen, um so größer ist der Luftwiderstand, um so langsamer laufen sie und um so größer ist der Abstand zwischen den einzelnen Schlägen (man will ja gut mitzählen können). Der Windfang hat vor seinem Anlauf noch einen kurzen Vorlauf, der alles in die richtige Position zum Auslösen des bzw. der Schläge bringt.

Angeschlagen wird die Glocke links oben im Glockenstuhl, die erste, wenn man herauskommt (gegossen 1928, Material Bronze, Ton g').

Die vollen Stunden ergeben in 12 Stunden 78 Schläge. Dazu kommen 12 Schläge für die halben Stunden, insgesamt also 90 Schläge in 12 Stunden oder 180 Schläge in 24 Stunden. Das ist nur wenig mehr als die halbe Zahl der Schläge der früheren 24 - Stundenuhren, wobei die, halben Stunden gar nicht angeschlagen wurden.

Bei unserer Uhr wird die Glocke im Laufe eines Jahres 65.700 mal (bei 365 Tagen im Jahr) angeschlagen. In 100 Jahren seit dem Einbau der Uhr wurde die Glocke 6574320 mal 'geschlagen'. (76 Jahre à 365 Tage + 24 Jahre à 366 Tage x 180)

 

DAS GESTELL

Geh- und Schlagwerk sind in einem gemeinsamen Rahmen untergebracht und stehen auf einem Gestell mit vier Beinen. Das Gestell ist aus zwei Gründen nötig:

1. Die Walzen müssen in eine Höhe komme, wo ein bequemes Aufziehen der Uhr möglich ist, und

2. Das Pendel muss hoch genug über dem Fußboden schwingen können, so dass kein Schlitz im Fußboden erforderlich ist.

Außerdem verhindert das Gestell unerwünschte Schwingungen (z. B. durch den Verkehr auf der Sutelstraße) und erleichtert den Zugang zum Werk für Wartungs- und Reparaturarbeiten.

 

SINN UND ZWECK EINER KIRCHTURMUHR

Der Zweck einer Turmuhr liegt auf der Hand. Jahrhundertelang waren die Kirchtürme die höchsten Gebäude einer Stadt und natürlich erst recht in einem Dorf. Eine Uhr im Turm ist weit zu sehen, ihr Glockenschlag weit in der Umgebung zu hören. Deshalb muss eine solche Uhr aber nicht unbedingt in einem Kirchturm stehen, sie kann auch im Rathausturm diesen Zweck erfüllen. In vielen Städten gibt es daher auch seit etwa dem 15. Jahrhundert Rathäuser mit hohen Türmen und Uhren darin. Diese Uhren erfüllen ihren Zweck.

Eine Kirchturmuhr hat darüber hinaus auch einen Sinn: Sie zeigt an, dass auf Erden alles der Zeit unterliegt, dass alles vergänglich ist, dass die Zeit vergeht. Eines Tages schlägt jedem Menschen die letzte Stunde. Eine Kirchturmuhr ist also ein "Memento mori", ein "Gedenke des Todes". Wer einmal in einem Kirchturm gehört hat, wie die Zeit vergeht, und zugleich sieht, wie die Zeiger vorrücken und wie wieder ein Stückchen Zeit in die Ewigkeit hinübergegangen ist, dem geht der Sinn für 'die Uhr im Kirchturm' auf

In den letzten Jahrzehnten sind immer mehr Uhren vom Handbetrieb auf elektrischen Antrieb umgestellt worden. "Das ist viel einfacher so, man muss nicht immer an das Aufziehen denken". Damit geht aber auch ein Teil des Sinnes einer Kirchturm-Uhr verloren.

Die Uhr in St. Nicolai Bothfeld wird seit 100 Jahren jede Woche einmal von Hand aufgezogen. Sie ist also nicht modern, Sie geht auch nicht sekundengenau. Sie geht dafür aber auch dann, wenn die Sonne nicht scheint. Das unterscheidet sie von einer Sonnenuhr, der natürlichen Uhr ohne Räderwerk. Und sie geht auch dann, wenn einmal der Strom für den Antriebsmotor ausfällt, was auch vorkommen soll. Das unterscheidet sie von den modernen oder modernisierten Uhren. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch künftig immer einer findet, der einmal in der Woche 5 Minuten Zeit hat, um die Uhr aufzuziehen, damit sie den Menschen in Bothfeld ZEIT und VERGÄNGLICHKEIT anzeigen kann.

 

St. Nicolai Aktuell

GemeindeLeben Nr. 77

April / Mai 2017

 

 

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